Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?

Wer seinem Kind einerseits den Zauber magischer Geschenkebringer bieten möchte ohne es andererseits dafür anzulügen, dem rate ich zur Ehrlichkeit. Wahrheit und Weihnachtsmann schließen sich nämlich keineswegs aus, denn Wissen und Erleben sind verschiedene Dinge. Kinder wissen auch, dass es keine Monster und Geister gibt, trotzdem haben sie Angst vor ihnen, denn die Bilder, die Fantasie und Geschichten in ihrem Kopf entstehen lassen, sind stark. Und ein Weihnachtsmann, der in Lebensgröße vor ihnen steht, wirkt noch ungleich stärker.

Ein Freund von mir, der als Erzieher im Kindergarten gearbeitet hat, erzählte, dass die Erzieherin sich vor den Kindern als Weihnachtsmann verkleidet hatte. Nachdem sie die Geschenke verteilt hatte, ging sie hinaus, zog sich wieder normal an und kehrte zur Gruppe zurück. Die Kinder fragten aufgeregt, wo sie denn gewesen wäre, der Weihnachtsmann sei da gewesen! Und das, obwohl, sie nicht nur wussten, dass der Weihnachtsmann eigentlich ihre Erzieherin war, sie hatten es sogar gesehen! Ich selbst habe für meinen damals vierjährigen Stiefsohn den Weihnachtsmann gespielt und ihm vorher gesagt, dass ich es sein werde. Trotzdem fragte er mich hinterher, wo ich denn gewesen sei als der Weihnachtsmann da war. Im folgenden Jahr wurde das Wissen schon stärker, hinterher sagte er, er hätte mich erkannt. An meiner Brille. Dabei hatte ich die Brille gar nicht auf. Nachträglich suchte sich sein Gehirn wohl das passende Bild zu seinem Wissen. Er war allerdings enttäuscht, als er das Weihnachtsmannkostüm entdeckte. Ich hatte es nicht mehr richtig versteckt, er wusste es ja sowieso, aber im Moment des Entdeckens war der Entzauberungseffekt vielleicht doch zu stark.

Kinder lassen sich wohl gerne verzaubern und man muss dem Kind ja nicht ständig aufdrücken, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die Tochter meiner ersten Freundin wurde regelrecht wütend, als ich die Vermutung äußerte, der Weihnachtsmann werde vielleicht nur von verkleideten Normalmenschen gespielt. Wenn die Kinder aber von sich aus fragen, sollte man die Wahrheit sagen. Da viele Kinder die Widersprüche der Geschichte mit zunehmendem Alter bemerken, muss man immer absurdere Lügen erfinden, um den Schein zu wahren. Oder die Kinder bei Nachfragen ablenken und abbügeln, obwohl man ihnen doch sonst engagiert die Welt erklärt und stolz ist, wenn sie zu eigenen Schlüssen kommen. Je detaillierter man die Zaubergeschichte für seine Kinder inszeniert hat, desto schwieriger kommt man später wieder aus der Nummer raus.

Zwar sind die meisten Kinder stolz, wenn sie die Wahrheit herausfinden und tragen ihren Eltern nichts nach. Doch nicht immer läuft es so glatt. Wenn die Kinder plötzlich bemerken, dass der Nachbar unterm Kostüm steckt oder sie durchs Schlüsselloch sehen, dass die Eltern die Geschenke unter den Baum legen und nicht das Christkind, kann dieser Entzauberungsmoment sehr enttäuschend sein. Und Wut auf die Eltern wegen jahrelangem Anlügen kommt auch vor.

Wer seinen Kindern dagegen von Anfang an erzählt, dass es zwar den einzigen, wahren, magischen Weihnachtsmann nicht gibt, aber die Geschichte so schön ist, dass sie die Menschen gerne spielen, der ist auf der sicheren Seite. Und Spiel ist für die Kinder sehr intensiv, ein gespielter Weihnachtsmann ist nicht per se negativ. Denken wir nur an Theateraufführungen, bei denen die Helden gewarnt und die Bösen ausgebuht werden. Die Kinder wissen, dass es gespielt ist, trotzdem empfinden sie es (fast) wie real.
Und dass wir keine übernatürlichen Geschenkebringer brauchen, weil wir uns die Welt selbst ein bisschen magisch machen können, ist doch eine wirklich frohe Botschaft.

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade Dezember 2013 zum Thema „Weihnachtsmann – Ja oder Nein?” auf trainyabrain-blog.com teil.

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